Pflege und Gesundheit neu denken: Warum Deutschland eine echte Strukturreform braucht

GKV-BSaStabG, PNOG im Entwurf – aber wo bleibt die dringend notwendige echte Reform?

Alle Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigen sich derzeit mit den „großen“ Reformen der Bundesregierung.

Aber sind das wirklich Reformen, oder versucht man hier lediglich, ein System am Leben zu halten, das kurz vor dem Herzstillstand steht?

Wenn wir kurz über die aktuelle Situation nachdenken, wird, glaube ich, jeder zu dem Schluss kommen, dass das aktuelle Pflege- und Gesundheitssystem einschließlich seiner Finanzierung in dieser Form nicht mehr funktioniert. Was zur damaligen Zeit gut gedacht war, und durch viele Einzahler funktioniert hat, funktioniert in einer immer älter werdenden Gesellschaft eben nicht mehr.

Aber warum trauen wir uns nicht an eine echte Reform? Warum denken wir immer noch in Schubladen?

  • Das Gesundheitssystem braucht eine Reform. Das Geld reicht nicht aus. Dabei müssen wir jedoch auch die Bedürfnisse der Krankenhäuser und Arztpraxen berücksichtigen.
  • Das Pflegesystem braucht ebenfalls eine Reform. Die Kosten sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen.

Was haben beide Systeme gemeinsam? Richtig: Es geht um Menschen, die Hilfe benötigen – entweder medizinische oder pflegerische. Und ja, teilweise werden diese Leistungen sogar von derselben Berufsgruppe erbracht. Teilweise handelt es sich sogar um dieselben Träger von Einrichtungen.

Trotzdem denken wir weiterhin getrennt: in der „Schublade“ Medizin und der „Schublade“ Pflege.

Nehmen wir einmal an, dass neben dem GKV-BSaStabG auch das PNOG dahingehend angepasst wird, dass im Bereich des SGB XI die tarifgebundenen Personalkosten vollständig refinanziert werden – so, wie es die Verbände zu Recht fordern.

Dann hätten wir im ambulanten Pflegebereich eine geradezu absurde Situation, die ich kurz skizzieren möchte: Eine Pflegefachkraft erbringt bei einem Klienten Leistungen nach SGB V (Behandlungspflege). Für diese Leistung erhält ihr Arbeitgeber keine Refinanzierung der Personalkosten. Anschließend erbringt dieselbe Pflegefachkraft beim gleichen Klienten Leistungen nach SGB XI (pflegerische Versorgung). Für diese Leistung erhält der Arbeitgeber wiederum eine vollständige Refinanzierung der Personalkosten, obwohl hierfür nicht zwingend eine Fachkraft erforderlich wäre.

Daraus könnten viele Szenarien entstehen. Beispielsweise könnten ambulante Pflegedienste künftig immer weniger Leistungen nach SGB V anbieten.

Aber worum geht es eigentlich im Kern? Richtig: Es geht um die Versorgung eines Menschen. Dieser unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Systemen, sondern einzig danach, ob er Hilfe benötigt oder nicht.

Warum denken wir also nicht über eine Reform nach, die sich an Prozessen orientiert und nicht an einzelnen Systemen?

  • Warum kann eine Fachkraft in einem Pflegedienst einen Allgemeinarzt im Rahmen der Telemedizin nicht unterstützen beziehungsweise assistieren, wenn sie ohnehin täglich beim Klienten vor Ort ist?
  • Warum werden ambulante Pflegedienste beim Thema Ambulantisierung in Krankenhäusern nicht mitgedacht?
  • Warum kann eine Fachkraft eines Trägers, der sowohl Krankenhäuser als auch Pflegedienste betreibt, nicht in beiden Bereichen tätig sein – je nach Auslastung?
  • Warum können Pflegefachkräfte für den Arzt keine Blutabnahmen durchführen?

Diese Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen. Natürlich benötigen die genannten Beispiele auch entsprechende Fort- und Weiterbildungen für das Personal. Doch bereits diese wenigen Beispiele zeigen, wie man mit dem kostbaren Gut der Fachkräfte – und damit sind ausdrücklich alle Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialwesen gemeint – umgehen könnte, um bereichsübergreifend Synergien zu schaffen.

  • Wirtschaftlichkeit
  • Effizienter Personaleinsatz

Das Wichtigste dabei ist jedoch: Wir denken in Prozessen. Und zwar in Prozessen, die den tatsächlichen Bedarf der Menschen widerspiegeln, die Hilfe benötigen.

Wenn man heute mit Verantwortlichen aus den jeweiligen Bereichen spricht, beispielsweise mit Klinikgeschäftsführern, Abteilungsleitern von Pflegeträgern oder Vorständen, hört man häufig dieselbe Reaktion:

„Das ist eine gute Idee. Das macht Sinn. Das wäre ein echter Mehrwert.“

Und warum wird es dann nicht umgesetzt?

Sie können es sich vermutlich denken: Im gleichen Atemzug, in dem diese positiven Aussagen getroffen werden, hört man auch:

  • Wie wird das finanziert?
  • Das gibt das aktuelle System nicht her.
  • Wer trägt die Risiken, wenn etwas passiert?

Auch diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Sie zeigt jedoch sehr deutlich: Die Idee wird grundsätzlich positiv aufgenommen. Doch innerhalb des aktuellen Systems, in dem überwiegend in getrennten Versorgungsbereichen und Institutionen gedacht wird, wird es kaum zu einer Umsetzung kommen.

Dabei wird genau diese Umsetzung so dringend benötigt. Andernfalls stehen wir in einigen Jahren vor einem Scherbenhaufen, weil wir den richtigen Zeitpunkt für eine grundlegende Reform verpasst haben.

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